Mobile Reporting 2012

Es wird viel passier´n / nichts bleibt mehr gleich. Nichts bleibt beim Alten wie gehabt. Diese irrwitzige Titelmelodie der ARD-Serie Marienhof pfeifend, schreibe ich hier mal die Mobile Reporting relevanten Geschehnisse der vergangenen Wochen und Monate gebündelt zusammen. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Vieles davon ist bereits mehr oder weniger in den Mobile Journalism Tumblr gelaufen, wurde getwittert oder liegt woanders im Internet – egal. Es ist viel passiert seit August 2011 (*) und noch mehr seit Februar 2011 (*).

Über 1000 iPhones 4s

Die Relevanz der Thematik hat weiter zugenommen. Indikatoren dafür könnten in beliebiger Reihenfolge folgende sein: Die BBC kauft 250 iPhones für ihre Reporter und entwickelt weiter an einer eigenen App-Lösung, um Inhalte schnell und unmittelbar zurück ins Mutterschiff zu bekommen, bastelt kleine Filme nur mit dem iPhone (*) und testet Edel-Apps wie Luci Live im Realbetrieb (*). Der US-amerikanische Medienkonzern Gannett (u.a. USA Today) - is among those that see the iPhone as an valuable day-to-day tool for journalists. Already a leader in “mojo” it purchased over 1,000 iPhone 4S smartphones for “frontline reporters and photographers”. Zu nennen wäre sicherlich noch die Al Jazeera Doku “Songs of Defiance” die komplett auf einem iPhone gefilmt wurde – auch wenn diese Dokumentation inhaltlich und dramaturgisch sicher nicht zu den herausragendsten Produkten ihrer Zunft gezählt werden kann.

Und sie bewegt sich auch doch – irgendwie. Unter diesem entlehnten Motto erreicht Mobile Reporting auch die ARD. Beim MDR probiert man sich beispielsweise Anfang des Jahres bei der Hockey EM  (*) aus, vorher hatte man schon mal die Volontäre rangelassen (*). Der RBB hat einen Schwung iPhones gekauft und experimentiert – vor allem mit Fotos der Reporter, die Online bereits Einsatz finden. Der WDR setzt auf Android und hat u.a. die App Sipdroid für eigene Bedürfnisse anpassen lassen. Hier experimentiert man auch mit Luci Live. Aber auch Zeitungsredaktionen probieren herum. Zum Beispiel die Lokalredaktion Rhein-Berg des “Kölner Stadt-Anzeiger”, die via Bambuser eine Diskussion mit Landtagskanidaten live gestreamt hat, mehr dazu bei Michael Krechting (*).

Eigene Erfahrungen und neue Erkenntnisse sammeln konnte ich in letzter Zeit beim Rumprobieren, u.a. mit den Kollegen Leidel und Degen, im Gespräch mit verschiedenen Beteiligten der ARD, u.a. beim Technischen Betrieb des WDR, bei einem Besuch der Büros von Soundcloud und bei der re:publica, wo ich Måns Adler, Founder & Evangelist des Videostreming-Dienstes Bambuser getroffen habe. Am ergiebigsten waren aber die verschiedenen Workshops.

Je einfacher, je besser

Nach einem ersten Mobile Reporting Tag an der RTL Journalistenschule im Dezember (*), folgte ein erster kleiner Workshop an der DW-Akadedmie (*), dann ein recht umfangreiches 7-Tagesseminar im April 2012 (*). Erkenntnisse: Ein Plan oder Konzept für die anzufertigenden Produkte ist unerlässlich, oft reicht die konsequente Umsetzung einer Idee, um ein formschönes Ergebnis zu erzielen. Je einfacher die Hard- und Software, je besser. Was nützt das tollste Mikro, wenn man vergisst es auszusteuern. Was bringt das beste Programm, wenn man die Feinheiten nicht bedienen kann. Unterwirft man sich bestimmten Restriktionen – zum Beispiel der 5-Shot-Rule – , kann man an der konkreten Umsetzung feilen und versuchen das Optimum herauszuholen. Hier dazu exemplarisch ein Workshopergebnis von Antje (*) – Erstkontakt mit iPhone, komplett produziert und geschnitten auf einem iPhone4. Dazu hier ihr Fazit (*).

Die gesammelten Gerätschaften sind Werkzeuge. Werkzeug wie Hammer. Wer sich auf den Daumen haut, kann nicht den Hammer dafür verantwortlich machen.  Außerdem ist ein Hammer sehr praktisch um einen Nagel in die Wand zu schlagen. Ein Haus einreißen kann man damit nicht so richtig gut. Hier ein Video um die Qualitätsdebatte zu eröffnen. Kollege Leidel hat es freundlicherweise zusammengeschnitten, dazu wird es bald auch noch einen ausführlichen Artikel nebenan im lab geben. Wichtiger Hinweis: Alle verwendeten Kameras waren auf Automatik gestellt.

Über die Qualität der Produkte kann man diskutieren. In aller gebotenen Kürze festhalten würde ich folgendes: Smartphones sind definitiv nicht konzipiert worden, um damit professionell und ausschließlich journalistische Produkte anzufertigen. Das können größere, teuere und bessere Geräte viel besser. Zum Beispiel ein Comrex Portable. Den hat man leider nur nie in der Hosentasche dabei und Video in Full-HD kann der auch nicht.

Gadgetism

Im Kontext von Good-enough reichen Smartphones aber inzwischen aus um sendefertiges Audio und ggf. auch Video zu produzieren. Abgesehen davon ermöglichen sie dialogische, interaktive und multimediale Echtzeitberichterstattung. Punkt. Das diskutiere ich gerne jederzeit mit dem Beispiel Tim Pool einmal durch. Schön auch, wenn man mit vielen verschiedenen Telefonen via Instagram quasi nebenbei kollaborativ eine Bilderwand bestückt. Das haben wir im Seminar hier ausprobiert. Und hier müsste meiner Ansicht nach auch noch weitergedacht werden. Wie kann ich neben klassischen Formaten auch multimedialen dezentralen Processjournalism mit Smartphones betreiben? Zum Phantasieanregen kann man Collabracam mal einige Jahre in die Zukunft denken… Bis dahin ermöglichen es vielleicht Apps wie Torial (*) gemeinsam und mobil an tollen Inhalten zu arbeiten. {Disclaimer: Ich arbeite ab und zu für Torial}

Die Zahl mehr oder weniger sinnvoll einsetzbarer Zusatzhardware insbesondere für das iPhone steigt beständig. Apple-Nutzer verfügen offenbar über das nötige Geld, um sich diversen hochpreisigen Schnickschnack zu leisten. Wer auch nur halbwegs auf den aktuellen Stand kommen mag, der schaue kurz bei Photojojo. Interessant aber, dass die Anzahl der Zusatzhardware offenbar in keinem Verhältnis zu etwaigen tollen Produkten steht. Die sucht man im Netz nämlich meist vergeblich.

Nach kurzem Rumprobieren mit der Tiffen Steadicam und dem Mobislyder halte ich mal fest: Das mag in irgendeinem Kontext Sinn machen, aber das Referenzbeispiel der BBC haut mich jetzt persönlich nicht so vom Hocker. Ich bevorzuge den Weniger- ist-mehr-Ansatz. Und der bedeutet: Die Vorteile des Telefons wie geringe Größe und universelle Vergügbarkeit nutzen und mit minimalen Aufwand, maximalen Ertrag erzielen. Das geht, wenn man auf ein ruhiges Bild und guten Ton achtet überraschend gut, so lange man eine Verbindung und einen gefüllten Akku hat.

To do 

Sinnvoll ist sicherlich ein Herausarbeiten nötiger App-Kenntnisse, zum Beispiel: Basic iPhone Photography tips on Exposure, Focus and White Balance und das Fokussieren auf eine kleine, aber feine Auswahl von Lieblingsapps (*), deren Funktionsumfang man kennt und beherrscht. Denn jede App hat ihre ganz eigenen Vor- und Nachteile. So nützt die tolle Audio App FiRe 2 – Field Recorder wenig, wenn das gleichzeitige Abhören des Audios mit meinem Zusatz-XLR-Miniklinke-Adapter nicht funktioniert. Mitbedacht werden müssen ebenfalls die möglichen Exportfunktionen und vorhandene Codecs. Dann kann das Smartphone auch im Kontext qualitätsjournalistischer Standards Verwendung finden.

Stellt sich aber natürlich die Frage ob Smartphones überhaupt darauf warten, von so genannten Journalisten benutzt zu werden. Vermutlich nicht. Noch weniger, wenn man diesen derzeit herumgereichten Text liest: I think journalism is being replaced. Das Foto hier stammt von einem Bambuser-Livestream aus Kairo. Es zeigt Polizisten. Und wurde von Polizisten gefilmt (*). Zwei Tage nach dem ein Demonstrant ähnliche Szenen aus einem anderen Blickwinkel gefilmt hatte (*).

Und zwar jetzt

Hier wäre für einen Journalisten vermutlich zunächst erstmal relevant wie man diese Quellen verifiziert. Dazu hier eine sehr schöne Textsammlung (*). Falls ein Journalist in der Nähe war, war ihm hoffentlich zumindest bewusst, dass man mit einem Telefon live streamen kann. Aktiv oder passiv. Es passiert. Und zwar jetzt.

Zwei neue Bücher geben bald darüber Auskunft. Der Mobile Reporting Field Guide (*) und Mobile Journalism Tools And Techniques von Will Sullivan (*). Weiterhin kostenlos erhältlich für das iPad oder als Textversion: mein kleines Büchlein zum Thema (*). Hat jemand Lust an einer weiteren Auflage mitzuschreiben? Der Android-Teil fehlt zum Beispiel noch völlig. Freue mich über Mails und Hinweise.

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