Tottenham und die Twitterportage

London (dpa) – Brennende Polizeiautos und vermummte Demonstranten: Im Londoner Stadtteil Tottenham haben sich in der Nacht gewaltbereite Demonstranten gegen die Polizei aufgelehnt. Es soll auch Plünderungen gegeben haben. Anlass war der Tod eines 29-jährigen Mannes, der am Donnerstag von einer Polizeikugel getroffen worden war. Die Randalierer warfen Molotow-Cocktails und Ziegelsteine. Acht Polizisten wurden verletzt, einer davon musste im Krankenhaus behandelt werden.

Diese Information kann man in abgewandelter Form auf zahlreichen Nachrichtenseiten lesen. Natürlich, denn wenn mitten in einer europäischen Großstadt ein Mob aufgebrachter Menschen randaliert und plündert, dann ist das eine Nachricht. Traditionelle Medie berichten. Kamerateams filmen. Agenturfotografen machen Bilder und Reporter sind vor Ort und schreiben in ihre Notizblöcke, man wird morgen oder übermorgen gut geschriebene Berichte lesen, vielleicht sogar eine Reportage. Das ist gut. Einzig: Das Thema ist nachrichtentechnisch dann bereits durch. Die Müllabfuhr wird da gewesen sein. Die Straßen in Tottenham werden sauber sein. Die Allermeisten werden sich für andere, dann relevante Dinge interessieren.

Ein neues Genre

Wer sich in der Nacht von Samstag auf Sonntag für die Geschehnisse in dem Londoner Stadtteil interessierte, der fand auf Twitter eine wilde Melange aus Augenzeugenberichten, Fotos und Analysen, dekoriert mit Gerüchten, Meinungen und Informationen über Teppiche und Kokosnüsse. Außerdem lernen konnte man die Abkürzung des Nudelgerichts Macaroni and cheese. Beobachten konnte man hier ein perfektes Beispiel für ein noch nicht weiter benanntes Internet-Genre der Berichterstattung. Vielleicht könnte man es Twitterportage nennen, wenn sich das nur nicht so dämlich anhören würde. Eine Nachrichtenerfahrung für die man genau zwei Dinge braucht: Twitter und eine gewisse Form der Web-Literalität. Dazu ganz kurz  Henry Jenkins:

The multi-layered conversation that Twitter represents – where you´re often reading across multiple topics and trying to learn how to connect pieces of information together, trying to figure out who is talking to who in the noise that flows … – that´s a literacy, that´s a skill. And it´s one we´re not born knowing; it´s one we´ve acquired. And it´s one that having acquired, we can then begin to articulate, reflect upon, present, and share with other people (*)

Wer Twitter regelmäßig nutzt, wer das Prinzip verstanden hat, dem erschließen sich bei Nachrichtenereignissen jedweder Art neue Schichten von Informationen. Über, unter und neben der reinen Nachricht liegt das was interessant ist, was entschlüsselt, decodiert, eingeordnet und verarbeitet werden muss. Das mag sich anstrengend anhören, ist aber wesentlich spannender, näher dran und realer – als das entkernte Stück Realität eines reinen Agenturtextes, gleichzeitig wesentlich wertvoller als eine vermeintliche Abbildung von Realität mittels Livestream im TV und allwissender als die zusammengeklaubten Informationen eines vor die Kamera gezerrten Moderators.

Jetzt ist jetzt vorbei

Hier bedient sich eine heranwachsende, medienaffine Zielgruppe selber. Joseph Staschko reflektiert das sehr schön nach dem er den Bombenanschlag in Oslo bei Twitter begleitet hat:

We often talk about citizen journalists being able to beat reporters to the scene of a story by simply being in the right place at the right time. But less is said about citizens collecting and making sense of all the information at a faster pace than mainstream news organisations. In honesty, people like Dave and I shouldn’t have been able to become amongst key sources for the story. He was in Scotland, I was sitting in my living room, and we both had access to a computer (*)

Egal wo auf der Welt. Es finden sich inzwischen eigentlich immer Twitter-Nutzer, die ein Nachrichtenereignis covern. Diese Nutzer sind oft keine Journalisten. Müssen sie auch nicht. Diese Nutzer sitzen manchmal gar nicht in der Nähe des Ereignisses. Müssen sie auch nicht. Diese Nutzer haben kein Büro. Müssen sie auch nicht. Ein Smartphone mit Internetzugang und einer geladenen Batterie reicht aus. Ein Twitter-Client reicht aus. Denn im Twitterstream passiert alles. Hier werden Informationen verbreitet, diskutiert, gecheckt und konsumiert. Und so kann jemand in einem beliebigen Cafe mit W-Lan irgendwo auf der Welt die zentrale Inforessource für eine Twitterportage werden. Denn die Informationen sind im Netz. Es muss sie nur jemand finden. Zum Beispiel die Telefonnummer des Jungen der auf der Insel Uttoya angeschossen wurde oder ein Bild aus Abottabad nach der Osama-Aktion.

Nach Andy Carvin sollte man jetzt übrigens langsam auch den 24 jährigen Dave Wyllie alias @journodave auf dem Schirm haben. Der coverte gestern und heute #Tottenham. Wer sich da durchklickt, der weiss dann auch was es mit den Kokosnüssen, dem Teppich und den Makkaronis auf sich hat. Allerdings muss man schnell sein. Das Ganze ist flüchtig und unmittelbar. Es passiert jetzt. Und jetzt ist jetzt vorbei. Für Nachbearbeitungen, Rückblicke und den Chronistenjob gibt es ja traditionelle Medien.

Update:

Interessant auch – Techcrunch über die Rolle von Blackberry: BBM is fast, free and private. It’s also created a ‘shadow social network‘ which is invisible to Police snooping.

Update vom Update:
Wenn RIM dann allerdings zusichert die Daten von Lootern der Polizei zu übermitteln, dann hat sich das mit dem „Shadow Social Network“ natürlich

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