Zehn Jahre Mobile Reporting


Am 23.3.1903 haben die Wright-Brüder ein Patent für eine Flugmaschine eingereicht. Las ich kürzlich bei Twitter. Genau genommen las ich einen Retweet, der die Info um folgende Angaben ergänzte: Erster kommerzieller Flug 11 Jahre später, erster Transatlantikflug 22 Jahre später, Mondlandung 66 Jahre später –– all in one lifetime.

Das bringt mich dazu, über die letzten zehn Jahre Mobile Reporting nachzudenken. Hier ein kurzer Abriss, natürlich mit Zukunftsszenario am Ende.

Es funktioniert!

„Man kann mit einem Telefon journalistisch berichten – multimedial und fast in Echtzeit, inklusive Bild, Text, Ton und Video.“ Im Artikel (Video-)Bloggen mit dem iPhone vom September 2009 klingt erste ernsthafte Begeisterung durch. Zitat: „Zusammen mit Kollegen diverser LRAs (ARD-deutsch für Landesrundfunkanstalten) habe ich während der Bundestagswahl in Berlin (video)gebloggt.  Mit dem iPhone 3 GS. Das Ganze war ein Experiment. Meines Wissens, der erste Versuch in Deutschland eine Großveranstaltung mit mehreren Leuten via iPhone-Videoblog abzudecken.“

In der Erinnerung kurzer Nostalgieanflug: Wir benutzen Audioboo, Posterous. Es gibt eine Delicious-Linkliste dazu. Und Verweise auf Livestreaming-Experimente mit dem geschätzen Kollegen Guy Degen. Auf einem Nokia 82 und mit einem Dienst namens Qik. Erinnert sich jemand?

Beim Suchen nach Originalfundstellen ständig der Verweis: The Wayback Machine has not archived that URL. Das Internet hat uns vergessen. LinksammlungLieblingszitat im August 2009: „Im Kopf behalten sollte man vielleicht den kleinen Satz von Mindy McAdams über die Zukunft des Online-Journalismus: Cell phones will be the primary reporting tool at first, and possibly for hours. Vielleicht kann man in dem Satz sogar alles nach dem siebten Wort streichen. Aber das ist Zukunftsmusik und reine Spekulation…“

Warum Smartphones kein Spielzeug sind

Ab 2010 verbringe ich sehr viel Zeit damit Leuten zu erklären, dass Telefone kein Spielzeug sind. Lieblingszitat aus einem Workshop: Gibt es das iPhone auch in professionell, also so von Sony, oder so?! Die Kollegin die da fragt, ist eine Führungskraft. Und gemeinhin gilt ein Smartphone in vielen Medienhäusern noch als Spielzeug. Maximal gut genug für „dieses Online“. Egal. Blogposting dazu: „Das Thema ‘Mobile Journalism’ wird meiner Ansicht nach in Deutschland (noch) nicht wirklich Ernst genommen.“ Dazu passt es auch sehr gut, dass der deutschsprachige Wikipedia-Eintrag zu Mobile Journalism am 8. August 2010 um 22:27 Uhr vom Nutzer Elya gemäß der recht munteren Löschdiskussion aus der deutschen Wikipedia gelöscht wird.

Die die Lust haben, probieren weiter herum. So entsteht unter anderem die erste öffentlich-rechtliche Radiosendung, komplett auf dem Telefon produziert. Und weil herumprobieren mit mehr Leuten noch mehr Spaß macht, konzipiere ich für die damaligen Volontären der Deutschen Welle ein mobiles Blogprojekt. Von unterwegs bestücken alle ihre Twitterfeeds und einen WordPressblog multimedial und – natürlich mit den Telefonen. 2010 klingt das noch recht gewagt –  in “real-time” und “location-aware”.

Mindestens Good Enough

Rückblickend geht dann alles eigentlich sehr schnell. Zumindest an manchen Orten. Ein Undercover-Beitrag aus Syrien, komplett gedreht auf dem Telefon bei Al Jazeera. Beeindruckende schwarz-weiß Qualität in den Werbeclips von Bentley. Bis hin zum kompletten Hollywoodfilm. Und einem jedes Mal beeindruckenden Vergleich zwischen Smartphone und „professioneller“ Hardware.

In der Zwischenzeit schreibe ich Buchkapitel, Artikel und ein ganzen eBook zum Thema voll. Und bringe die Thematik Journalistinnen und Journalisten, PR-Abteilungen, der Bundeswehr und diversen anderen Menschen in diversen Funktionen näher. Was sehr viel Spaß macht und jedes Mal ganz anders und neu ist. Und außerdem lerne ich jedes Mal dazu.

Das Neue Normal

Während es in vielen Redaktionen immer normaler und selbstverständlicher wird, das Telefon als Arbeitsgerät einzusetzen, verändern sich ein paar traditionelle Regeln. Auf einmal wird bei Interviews in die Kamera geschaut. Und auf einmal ist es nicht nur vollkommen okay vertikal zu drehen, sondern dringend notwendig, wenn man beispielsweise Instagram Stories anfertigen möchte oder muss.

Das jahrelang vorgeführte VVS-Video verschwindet im Archiv. Und hat nur noch historischen Wert. Ab jetzt kommt es schlicht und ergreifend darauf an für welchen Ausspielweg man produziert. Die brandneuen Apps kommen und gehen, genau wie diverse Trends (Alles ab jetzt immer live) und erst gestern haben mir 20 Schülerinnen und Schüler zwischen 13 und 14 erklärt, dass TikTok – zumindest in Harsewinkel, einer Stadt in der Nähe von Gütersloh – total 2018 sei und dass das niemand mehr mache.

Generalisieren lässt sich hingegen Folgendes: Je einfacher, schlichter und schneller – je eher wird das Telefon eingesetzt. Nichts gegen diverse Hardwarelösungen, aber am Ende tendiere ich zum Minimalismus. Das Smartphone als eine Art digitales Schweizer Taschenmesser wird zum Leitbild. Auch wenn diese Metapher so nicht unbedingt weiter ins 21. Jahrhundert weist.

Und wie weiter

Es besteht aktuell kein Mangel an Büchern, Schulungen, Gadgets und ganz generell Informationsangeboten zum Themenkomplex Mobile Reporting, Digital Storytelling, Vertical Storytelling, Smartphone Production oder wie auch immer man das Themenfeld fassen will. Neben rein handwerklichen Trainings sind es meiner Ansicht nach vor allem Formatentwicklungen für bestimmte Zielgruppen die erfolgsversprechend sind. Nur wenn ich weiß, wem ich eigentlich was, wann und wie erzählen muss, sollte oder will, kann ich konkrete Handlungsanweisungen definieren und Ergebnisse rasch evaluieren und anpassen.

Statt Redaktionen nun vom reinen Handwerk zu überzeugen, gilt es gute Formate auszutesten und in den Regelbetrieb zu überführen. Und das am liebsten mit offenen Augen für zukünftige Entwicklungen. Auch wenn hier leider selten mutig ausprobiert und aktiv gestaltet wird. Eine zentrale Lehre aus zehn Jahren mobile Reporting lautet aber: Das einzige was gewiss ist, ist ein konstanter Wandel. Statt dem Taschenmesser ähneln Smartphones inzwischen eher einem Lichtschwert. Ich habe letztes Jahr auf der europäischen Mobile Reporting Konferenz Mojofest 2018 über meine persönliche Zukunftsvision gesprochen, nebenan bei Medium gibt es einen ersten Aufschlag (englisch).

Mehr als gespannt bin ich, wie und wohin sich das Thema Mobile Storytelling in den kommenden zehn Jahren entwickelt. Mit welchen Geräten, welchen Diensten und welchen interaktiven erzählerischen Spielarten wir Inhalte vermitteln und Diskussionen führen. Allem Anschein nach werden es wie auch immer geartete Wearable Devices sein. Und der Unterschied zum ersten Smartphone wird mindestens ähnlich groß sein, wie der zwischen erstem Fluggerät und Linienflugzeug.

 

Workshops & Kontakt

Natürlich stehe ich weiterhin und sehr gerne für Workshops, Vorträge, Panels, Prozessbegleitungen zur Verfügung. Gerne mit konkreter Themenzuspitzung: Mobile Storytelling, Vertical, Formatentwicklung, VR/AR und 360 Grad. Einfach eine Mail. Thx!

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