Mobile Storytelling 2017

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In Zukunft werden alle Videos rund sein, wir werden uns lieber mit unseren Telefonen unterhalten, als mit Menschen, mediale Angebot werden als transparente Ebene über der Wirklichkeit schweben und wir werden uns ziemlich erschrecken, wenn wir Mitmenschen das erste Mal in der realen Realität ohne Filter auf dem Kopf sehen. Oder so ähnlich.

Vor ungefähr sieben Jahren stand ich mit einem Kollegen, der sehr häufig als Technikexperte im Radio befragt wird, im zentralen Newsroom der Deutschen Welle. Mit dem iPhone ist das Smartphone technologisch auserzählt, verkündete er mit unumstößlicher Gewissheit: “Alles was jetzt noch kommt sind vernachlässigbare Spielereien.” Oh boy. Nehmen Sie sich vor Experten in Acht. Vor allem vor denjenigen, die Ihnen erzählen was in Zukunft passieren wird.

Sturm der Liebe

Die einzige Gewissheit im Kontext digitaler Entwicklung lautet derzeit: Es wird immer weitergehen. Nach Myspace kam Facebook. Nach Meerkat kam Periscope. Nach Periscope kam Facebook Live. Nach Snapchat kam Instagram Stories. Und nach dem Querformat, kam das Hochformat und hey, warum dann jetzt nicht auch gleich runde Videos. Nach dem iPhone kam das nächste iPhone und wenn Apple nicht langsam voranmacht, geht es eben nebenan bei Google weiter. Oder ganz woanders.

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Kennen Sie die ARD-Soap „Sturm der Liebe“? Eine sehr gute Bekannte schaut diese Serie – on demand, auf dem Telefon, auf dem Sofa. Zwei Meter entfernt steht ein Fernseher mit einem Amazon Prime Stick, darauf gibt es eine ARD Mediathek App. Man kann den Amazon Prime Stick per Sprache steuern. Meine Bekannte schaut trotzdem auf dem Telefon. Weil sie alles auf dem Telefon macht. Sie guckt YouTube-Tutorials, scrollt bei Instagram und bestellt irgendwelche Produkte. Es ist 18:30. Sie schaut drei Folgen „Sturm der Liebe“ nacheinander. Im linearen Fernsehen laufen sie um 15:10 Uhr. Sie hat sie verpasst. Es gibt Alternativen. Es geht immer weiter: More websites were viewed on mobile devices and tablets than desktops for the first time ever this month.

3-D-Umgebungsscanner

Ich hätte dem Kollegen im Newsroom 2010 gerne ein Phab 2 Pro in die Hand gedrückt. Ein neues mobiles Gerät aus dem Jahr 2016. Ein Telefon das Sehen kann, weil es die Tango Technologie von Google nutzt. Computer sind Ein- und Ausgabegeräte. Unsere Telefone haben ein Mikrofon und einen Lautsprecher. Sie haben eine Kameralinse und einen Bildschirm. Und sie haben jede Menge Sensoren. Und sie können mit Tango ihre relative Position zur Außenwelt ohne GPS oder andere signalbasierte Ortungstechnologien ermitteln.

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Klingt noch nicht so richtig aufregend? Nun ja, mit Google Tango verfügen Besitzer eines Phab 2 Pro Geräts neben einem voll umfänglichen Smartphone auch über einen 3-D-Umgebungsscanner. Damit kann ich mein Wohnzimmer, einen Tatort, eine historische Ausgrabungsstätte dreidimensional scannen und verfügbar machen – beispielsweise für eine Virtual Reality Erfahrung, für die es inzwischen neben dem Smartphone ein schlichtes und leidlich bequemes Kopfgestell wie Daydream View – ebenfalls von Google – braucht.

Daily Dali

Allein die Vorstellung mit einem Daydream View Headset in den Newsroom 2010 zu stolpern, erfüllt mich mit Euphorie. Wir wissen nicht was kommt. Und es wird noch so viel passieren. Erinnern Sie sich an Ihr erstes Nokia Mobiltelefon, das mit Tasten und dem Spiel Snake? Meiner Bekanntem auf dem Sofa habe ich nach Sturm der Liebe ein Samsung Gear Headset aufgesetzt, darin steckt ein Samsung Smartphone. Meine Bekannte betrat ein Bild des Künstlers Salvador Dali (Dreams of Dali), es wurde still im Wohnzimmer und ich erhaschte einen kleinen kurzen Blick in die nahe Zukunft. Die woanders immer schon die Gegenwart ist. Seit kurzem veröffentlicht die New York Times jeden einzelnen Tag ein neues 360 Grad Video. Für mobile Endgeräte und deren Nutzer endet die Welt nun nicht mehr an der Bildschirmkante. Cool. Und dann?


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Fünf Dinge für 2017

1. Mobiles Storytelling – jetzt mit noch mehr Ebenen

Neue Werkzeuge bringen neue Formate mit sich. Auf Snapchat oder Instagram Storytelling erzähle ich Geschichten anders. Hier probieren traditionelle Medienunternehmen (Hochkant, Serafina) genau so wie Marken (Tempo). Spannend hier: Welche ergänzenden Möglichkeiten bieten Zusatzebenen wie Text, Zeichnung, Emojis, Filter, Zusatzinfo (Höhe, Temperatur, Uhrzeit) und Masken. Layered Storytelling, sollte man sich anschauen, bereitet nämlich gut auf die Augmented Reality vor…

2. Life is live is live is live

Ein neues Phänomen: Unterschiedliche Dienste machen (fast) genau dasselbe. Live streamen kann ich mit Periscope, Facebook Live, bald ggf. auch mit Instagram und natürlich mit Klassikern wie Bambuser oder Dejero+. Hier stellt sich wie immer und überall die Frage nach dem Mehrwert. Wann gehe ich live und warum, wie lange und für wen. Hier hilft: Üben, üben, üben, dann wird das Ganze auch noch besser für das Publikum. Das fordert inzwischen Interaktion ein. Vorbei ist das schnöde Sender-Empfänger-Modell. Livestreamen wird zum Multitasking, hoffentlich eingebettet in eine prozessjournalistische Strategie.

3. Du drehst mich immerzu herum

Die Welt endet nicht mehr an der Bildschirmkante. 360 Grad Fotos und Videos sind als low hanging fruits für zukünftige VR experiences nett anzuschauen. Bald überall im Überfluss zu haben und rasch produziert. Mit Aufsatz oder günstiger oder teurer Zusatzhardware. Schnell ausprobieren, bevor alle anderen mittels Maschinen die die Umgebung scannen 3D Räume bauen in denen man umhernavigieren kann. Nicht immer sinnvoll, aber machmal. Wie alle anderen journalistischen Formate auch.

4. Rede bitte mit mir

Eine ganze Reihe von Hard- und Softwareherstellern arbeiten an sprachgesteuerten Ein- und Ausgabegeräten. Egal ob Amazon, Microsoft, Google oder Apple – wir reden jetzt und in Zukunft noch mehr mit Maschinen. Genau wie die Drehbuchschreiber von Star Trek sich das ausgemalt haben. Wieso ist das interessant? Weil sich hier u.a. die Frage stellt wie Inhalte dialogisch aufbereitet werden müssen und können, welchen Job Menschen (zum Beispiel arbeitslose Journalisten) übernehmen können – bei Amazon schreiben sie beispielsweise die Witze, die die künstliche Intelligenz erzählt. Und Journalisten mit Job diktieren Ihre Texte dem Telefon, das danach – auch daran wird gearbeitet – automatisiert Radiomanuskripte erstellt…

5. Warum?

Ist ja alles schön, aber ich brauche das ja nicht. Mag sein, aber um Dich geht es ja auch gar nicht, sondern um die Zielgruppe. Die haben wir doch im Formatentwicklungsworkshop als Persona skizziert. Lass mich in Ruhe, ich will einfach guten Journalismus machen. Sollst Du ja auch, aber wenn niemand Dein hart erarbeitetes Produkt konsumiert, hast Du doch auch nichts davon. Schau Dir einfach die Zahlen an: Mediennutzung von Teeangern oder Twens in den USA, in Deutschland, von mir aus in der Schweiz. Die lesen keine Zeitung, gucken kein TV, sondern sind bei Snapchat. Ach, lass mich in Ruhe. Na gut. Okay.

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